Grosser Andrang beim Locarno-Empfang
Die Zürcher Filmstiftung lud am 9. August 2009 zum traditionellen Empfang während des Filmfestivals Locarno. Dieses Jahr drängten sich über 350 Personen auf der Terrasse des Hotel Belvedere. Dazu die Bilder und die schriftliche Fassung der Begrüssung durch Daniel Waser, Geschäftsleiter der Filmstiftung:
«Liebe Gäste, liebe Filmfreundinnen, liebe Filmfreunde
Wie jedes Jahr ist es mir eine grosse Freude, Sie im Namen der Zürcher Filmstiftung begrüssen zu dürfen. Doch was gibt es jeweils - und besonders in diesem Jahr - zu sagen?
Empfänge sollen vergnügliche Anlässe sein, an denen das Netzwerk gepflegt, neue Bekanntschaften geschlossen, über fertiggestellte und neue Projekte diskutiert werden kann. Doch wir befinden uns mitten in einem veritablen ANNUS HORRIBILIS der Filmpolitik und der Filmförderung. Was also sagen? Nichts? Schnell begrüssen und sofort das Buffet eröffnen?
Nein! So einfach dann doch nicht. Lassen Sie mich den Filmer Peter Liechti aus der WOZ vom 9. Juli zitieren: «Wie in jedem Supermarkt sind inzwischen auch in den Kulturetagen die Verkaufszahlen zum ersten Kriterium für Erfolg geworden. Kann "Qualität" da wirklich noch mithalten? Im Gegenteil, hier wird lautstark zu Discount und Bestsellermentalität aufgerufen - weniger Produkte, grössere Auflagen, Entrümpelung der Filmlandschaft. Aber gute Arbeit leisten wir nur dann, wenn wir uns voll einlassen, wenn wir neugierig und risikobreit an unser Thema herangehen. Film muss mehr sein als ein Wellnessprogramm.»
Wohl war und aus der Überzeugung der Filmstiftung, dass eine Förderung den kreativen Nährboden düngen soll/muss, nur zu unterschreiben. Doch der Bravste kann nicht in Frieden leben, wenn es der böse Nachbar nicht will! Für mich ist die wachsende Verzweiflung bei den Kreativen und bei den Produzenten nachvollziehbar, wenn byzantische Verhältnisse wuchern, wenn eine allgemeine Unsicherheit um sich greift. Wenn gar nicht mehr klar ist, nach welchen allgemein verlässlichen Kriterien gearbeitet werden kann oder sollte, um sein Projekt hoffentlich finanzieren zu können.
Für mich ist auch nachvollziehbar, dass niemand mehr von dem Fall hören mag, dessen Name nicht ausgesprochen werden sollte. Tun wir es dennoch und lassen uns nicht als Branche oder als Förderer in eine Art "Geiselhaft" nehmen: SENNENTUNTSCHI ist ein ausserordentlicher, ein singulärer Fall. Doch für die Filmstiftung ist keine "Systemkrise" erkennbar. Auch ein Intendantenmodell könnte nicht verhindern, dass immer wieder Leute versuchen werden, mit erstaunlicher Energie und Dreistigkeit das System herauszufordern. Verantwortlichkeiten müssen geklärt und "geahndet" werden, dies aber zum Anlass nehmen zu wollen, das ganze Entscheidfindungsystem in Frage zu stellen, zeugt von wenig reflektierter Problemanalyse, wohl aber von politischem Rowdytum.
Dennoch - viel zu lange haben sich viel zu viele mit diesem Einzelfall beschäftigt! Die Eckpunkte für eine mögliche Fertigstellung dieses Filmes mit Hilfe der Förderstellen sind hinlänglich bekannt. Die Filmstiftung verwaltet öffentliche Gelder. Der Sinn dieser Vergaben ist es, Schweizer Filme zu fördern und nicht, mit Geldproblemen kämpfende Produktionsfirmen zu retten. Würde sich die Filmstiftung an einer solchen Sanierung beteiligen, wäre das eine Zweckentfremdung der Gelder und ein Affront gegenüber all den seriös arbeitenden Filmschaffenden, die ebenfalls auf öffentliche Fördergelder hoffen. Wer anderes behauptet oder anstrebt, begeht wohl auch politisches Rowdytum.
Es gibt ja nicht nur dieses eine Projekt. Im letzten Jahr wurden bei der Filmstiftung 183 Anträge eingereicht. 76 davon erhielten eine Finanzierungszusage. Details dazu finden Sie im Jahresbericht, den ich Ihnen heute gerne vorstelle. Bei Lektüre werden Sie feststellen: Wir haben im vergangen Jahr 10% mehr Projekte gefördert und dennoch weniger Geld ausgegeben. Das rührt nicht von einer linearen Kürzungsaktion, sondern ist vielmehr Ausdruck davon, dass wir bzw. unsere Kommissionen auch auf die kreative Vielfalt kleinerer Projekte setzen.
Allein hier in Locarno haben vier Schweizer Filme ihre Uraufführung auf der Piazza. Höhepunkt war sicherlich die gestrige Projektion von GIULIAS VERSCHWINDEN. Weitere vier Filme kommen in der Reihe «Ici et ailleurs» dazu, im Pardi di Domani sind nach meiner Zählung 13 Werke programmiert. Bis Ende Jahr werden rund zehn Titel ins Kino kommen, welche mit Beiträgen der Zürcher Filmstiftung entstanden sind. Auch diese Titelliste wird die ganze Vielfalt Schweizerischen Filmschaffens zeigen.
Sie sehen - die Kreativität lebt! Es gibt keine Systemkrise beim «Filme machen», wohl aber eine Vertrauenskrise gegenüber Institutionen beim Finanzieren und beim Produzieren… Es geht Angst um! Wenn mir eine gestandene Filmproduzentin sagt, sie fühle sich heute bei einer Projekteingabe elender als damals vor der Maturprüfung, dann kann etwas nicht mehr stimmen. Wenn die Verunsicherung dazu führt, dass die einen nur noch gegen Vorkasse arbeiten wollen und die anderen erst alles doppelt und dreifach geprüft haben wollen, bevor Gelder ausbezahlt werden, dann geraten auch seriös arbeitende Produktionsfirmen in Liquiditätsengpässe, welche die Projektumsetzung behindern, im schlimmsten Fall gar verhindern.
In dieser Situation - obwohl ursprünglich aus anderen Überlegungen eingeführt - kommt das Zwischenfinanzierungsmodell der Zürcher Filmstiftung in Zusammenarbeit mit der Raiffeisenbank gerade zur rechten Zeit.
Die Filmstiftung hat Vertrauen in die Professionalität und Seriosität der Arbeit "unserer" AutorInnen, RegisseurInnen und ProduzentInnen. Die Filmstiftung lässt sich von vereinzelten schwarzen Schafen nicht irre machen. Und liefert dazu auch den Tatbeweis: die Zürcher Filmstiftung übernimmt zusätzlich zu den direkten Fördermöglichkeiten Bürgschaften für die Zwischenfinanzierung seriös aufgestellter Projekte.
Wir versuchen den Tatbeweis auch durch rasche Vertrags- und Zahlungsabwicklung zu erbringen - dass es manchmal ebenfalls zu Pannen oder einer Verzögerung kommt, sei beileibe nicht verschwiegen. In meinem Hotelzimmer fand ich den Zettel: "15 Minutes - is all it takes to provide a solution to any little problem we may be responsible for." Soweit können wir zwar nicht gehen, es ist aber weiterhin unser Bestreben, alle Prozesse in zwei, maximal drei Wochen abzuwickeln.
Die Zürcher Filmstiftung verwaltet - wie andere Institutionen auch - öffentliche Gelder. Daher ist mit Sorgfalt und mit entsprechenden Kontrollmechanismen das Vertrauen in die Geldgeber (Politiker, SteuerzahlerInnen), in die Projektverantwortlichen und in das System wieder zu stärken. Dieses Vertrauen - davon bin ich absolut überzeugt - lässt sich nicht wieder herstellen durch hektische Einführung immer neuer Regeln und immer sachfremderen Kriterien. Dieses Vertrauen lässt sich nur wieder herstellen durch seriöse, verlässliche, nachvollziehbare Arbeit - und vorallem unspektakulärer Routine - innerhalb durchdachter, für alle gleiche Spielregeln.
Nun - Lassen Sie sich nicht entmutigen! Entgegen den Prognosen lacht heute abend sogar die Tessiner Sonne wieder. Kämpfen Sie für Ihre Projekte. Kämpfen Sie für faire Rahmenbedingungen. Sie wollen Geschichten erzählen, das Publikum will gute Geschichten hören! Und so wird endlich - damit auch Sie sich ihre Geschichten erzählen können - doch noch das Buffet eröffnet.»
10.08.2009